Opa W erzählt

Eine Geschichte von der Flucht vor der roten Armee in Küstrin

Opa W erblickte am 22. Februar 1932 auf dem Gehöft seiner Familie im Kiezerbusch bei Küstrin das Licht der Erde. Die heute polnische Kleinstadt schreibt seit dem 2. Jahrhundert vor Christi Geschichte. Sie musste in der Vergangenheit vielen Bränden, Inversionen und wechselnden Herrschern standhalten. Bis zum letzten Weltkrieg, hat sie es erfolgreich geschafft.

Opa W ging ab 1938 in Küstrin zur Grundschule und sollte anschließend das Gymnasium besuchen. Jeden Morgen legte er mit dem Fahrrad die fünf Kilometer am Oderdamm entlang zur Stadt zurück. 1944 durchbrach die rote Armee die deutschen Stellungen nach Westen und als am 31. Januar 1945 plötzlich die rote Armee mit ihren Panzern auf dem Hof der Familie W standen, war an Gymnasium nicht mehr zu denken.

Opa W war damals fast 13 Jahre alt. Er erinnert sich noch genau wie er bei den Nachbarn am Küchentisch saß und plötzlich etwas hörte. Er schaute aus dem Fenster und als er die Panzer sah, rannte er so schnell wie möglich nach Hause. Doch die anderen waren schneller. Eigentlich sollte der Ordsgruppenleiter telefonisch bescheid geben wenn sich russische Truppen näherten, damit sie sie fliehen konnten. „Auf diesen Anruf warten wir bis heute.“ sagt Opa W. „Sie fragten mich sofort ob deutsche Soldaten bei den Nachbarn sein und als ich verneinten wirkten sie beruhigt und waren zumindest mir gegenüber friedlich.“ Die französischen, ukrainischen und polnischen Gastarbeiter wurden gefragt ob der Chef gut zu ihnen gewesen ist. Der Vater und Großvater von Opa W sind immer gut und respektvoll mit ihnen umgegangen – andernfalls hätte ihnen damals  bei Misshandlung und ähnlichem, Exekution gedroht.

„Die russischen Soldaten der drei Panzer, die auf unserem Hof standen, verlangten von meiner Mutter, dass sie eingemachtes Obst servieren sollte. Wir mussten stets die Speisen der Russen vorkosten. Sie hatten große Angst vergiftet zu werden. Nach dem sie sich gestärkt hatten, war ihre erste Amtshandlung die Telfonleitungen lahm zu legen. Eine Stunde verging, dann hörten wir, dass die ersten Flugzeuge kamen.“ Sie eröffneten das Feuer. Leuchtspurmuntuin ging über den Hof nieder. „Und drei Minuten später wurden Atilleriegeschosse punktgenau auf unsern Hof, von den Deutschen aus Küstrin, gefeuert. Die Russen stürzten raus zu ihren Panzern und schossen zurück. Ich, meine Mutter, meine zwei Schwestern, mein Vater, Großvater und das Dienstmädchen flüchteten in den Keller. Was mit den Mitarbeitern war, weiß ich nicht…Der Dachstuhl des Wohnahauses, des Gesindehauses und der Backstube meiner Mutter stürzten ein.“ Als es dunkel wurde rückten die russische Truppe wieder ab.

24 Stunden später kehrten sie zurück. „Sie kamen zu hunderten oder tausenden, ich weiß nicht mehr wie viele, jedenfalls war der Hof schwarz vor Soldaten.“ Die Pferde und Kühe wurden aus den Stallungen getrieben und vernachlässigt, damit die russischen Pferde in unterkommen konnten. „Die Soldaten haben sich an unseren rund 500 Hühnern vergnüglich satt gegessen. Sie haben sich Lagerfeuer auf unserem Hof gemacht und die Hühnchen gebrutzelt.“

Die Frontlinie verlief zwei  Kilometer vor dem Hof. Immer wenn die russischen Soldaten wieder kamen, vielen sie in den Zimmern und Scheunen der Familie W vor Erschöpfung um und schliefen. „Über die konnte man drübersteigen und sie wachten noch nicht mal auf. Fast alle unsere Räume wurden von ihnen beschlagnahmt. Wir hatten ein einziges Zimmer. Dort mussten wir zu sechst, nein zu fünft schlafen. Meine Schwestern, mein Vater, meine Mutter und Ich. Ja – mein Großvater- der war im 92. Lebensjahr. Der hat sein Zimmer verteidigt. Er hat gesagt: Hier kommt keiner rein. Er stand mit seinem Krückstock vor der Tür und raunte: Niet. Und das haben sie respektiert.“

Familie W lebte insgesamt Zwölf Tage mit den russischen Soldaten auf ihrem Hof. Am 12.02. kam der Befehl Familie W solle ihren Hof verlassen. Sie hatten einen Pferdewagen vorbereitet und ihn beladen. Sie nahm russische Pferde aus dem Stall und spannte sie ein. Der Urgroßvater von Opa W blieb stur auf dem Hof zurück. Sie wurden nach Säpzig, einer Ortschaft östlich von dem Kampfgebiet geleitet. „Unterwegs wurde meine jüngste Schwester vom Wagen gezerrt und in dem Feld neben uns vergewaltigt. Mein Vater wurde mit einer Maschinenpistole davon abgehalten ihr zu helfen. Das war das erste aber leider nicht das letzte Mal für sie.“

„Als wir in Säpzig ankamen, war da eine Art GBU-Kommando oder was das auch immer war, jedenfalls wurde mein Vater dort verhaftet. Warum weiß ich bis heute nicht, sie haben ihn einfach festgenommen. Ein russischer Soldat kam zu uns und meinte, wir dürften mitnehmen was wir wollen, aber müssen jetzt gehen. Was nimmt man nun also von einem mit Kisten beladenen Wagen mit? Meine Mutter war eine praktische Frau – sie nahm einen Eimer Schmalz, Brote, Decken und all das was wir anhatten und damit gingen wir vom Hof. Ich konnte meinem Vater noch zuwinken; damals wusste ich noch nicht, dass es das letzte Mal sein sollte.“

Der Rest von Familie W flüchtete sich in einen nahegelegenen Wald. Dort trafen sie bald auf andere Leidensgenossen. Es war Februar und es lag Schnee. Tagsüber waren es minus zwei und nachts minus zehn Grad. Eine Weile blieben sie in diesem Wald. Es kamen immer wieder Russen und nahmen sich Frauen. Auch die der Familie W. Sie verließen den Wald und zogen mehrere Wochen mit einem Handkarren durch die Waldungen. Den Karren hatten sie bei einer Toten gefunden. Die Straßengräben warn mit Leichen gedeckt.

„Wir haben versucht wieder zu unserem Hof zu kommen, doch die Russen haben uns immer wieder aus dem Kampfgebiet vertrieben.“ Der Hofhund Rex begleitete sie. Er versorgte sich selbst und kehrte jeden Morgen zu der Familie wieder zurück. „Eines Morgens, liefen wir einen Abhang hinauf. Rex bellte und raste den steilen Weg empor. Ich hörte Russisch und rief: Nicht schießen! Er tut Euch nichts… Doch da hatte einer schon seine Kalaschnikow gezückt und schoss. Rex jaulte auf. Er ist in meinen Armen gestorben –  der arme Kerl.“

Das war der letzte Tag der Wanderung von Familie W. Sie wurden von dem russischen Kommando in einen Wagen geführt. Dieser brachte sie in das Dorf Krischt bei der Warte. Dorthin wurden ganze Lastwägen mit Flüchtlingen der Umgebung gebracht. Die Gefangenen wurden anschließend Richtung Landsberg an der Warte gefahren. 10 km vor Landsberg wurden die Familien auf Dörfer aufgeteilt. Familie W kam in einer Scheune auf einem Bauernhof unter. Hier hatten sie ein Dach über dem Kopf. Doch es verging nicht viel Zeit, da kamen wieder Soldaten um sich Frauen zu holen. „Irgendwie mussten wir ihnen doch helfen. Im Hof stand ein Leiterwagen. Ich nahm mir eine Leiter und baute neben der Wand eine Zweite. Die Sprossenzwischenräume füllte ich mit Steinen und bedeckte alles mit Stroh. So war die Doppelwand das Versteck für die Frauen wenn die Russen mal wieder Lust bekamen. Die Russen wunderten sich zwar, dass wir nur Männer waren und Stachen wie wild immer wieder auf das Heu ein, doch haben sie nie unseren Leiterbunker entdeckt. Obwohl das Gerüst teilweise verdächtig schaukelte und es reines Glück war, dass sie nie zusammenbrach.“

Opa W hatte gerade seinen 13. Geburtstag gefeiert. Zu Kindern waren sie Soldaten meist freundlich und haben ihnen Lebensmittel geschenkt. So verbrachte die Familie W knapp drei Wochen. Zufälligerweise kamen ehemalige Nachbarn aus dem Kiezerbusch, aus dem Nachbardorf auf ihren Hof. Als sie die Familie W erkannten, luden sie sie zu sich ein. Die Nachbarsfamilie hatte das Glück ein ganzes Haus zu bewohnen. Sie wollten ihnen die Chance geben wieder wie Menschen zu leben. „Das hörte sich natürlich gut an, doch war es letztendlich ein großer Fehler. Denn wenige Tage nachdem wir bei ihnen eingezogen waren, kam das Kommando, welches meinen Vater inhaftiert hatte.“ Opa W saß auf einem Holzschuppen und sah sie kommen. Sein erster Gedanke war: Haut ab. Er wollte ihnen das ins Gesicht sagen. Doch der Verstand des 13 Jährigen sagte ihm, nimm die Beine in die Hand. Er lief auf das naheliegende Feld und versteckte sich in einer Ackerfurche. Gerade als er sich sicher schätze, sah er wie kaum ein paar Meter weiter ein russischer Soldat Ausschau hielt.

„Als ich wieder zurück auf den Hof kam, hörte ich, dass dieses Kommando alle arbeitsfähigen jungen Frauen und Männer in Gewahrsam genommen hat. So auch meine beiden Schwestern und alle Nachbartöchter. Warum auch immer wurde meine größte Schwester am nächsten Tag wieder frei gelassen und kam zurück auf den Hof. Sie wurde nicht verhört, gar nichts. Meine andere Schwester wurde weggebracht. Zunächst zu einer Sammelstelle, am nächsten Tag sollten sie dann mit der Eisenbahn nach Russland gebracht werden. Doch kurz vor Posen hielt der Zug noch in Polen. Die Gefangenen wurden ausgeladen und in ein altes Lager der Deutschen gebracht. Dieses wurde erst sieben Monate nach Kriegsende 1945 wieder aufgelöst.“ Die Schwester von Oper W wollte nach der Freilassung wieder zurück in den Kiezerbusch zu ihrer Familie, doch man sagte ihr, dass dort niemand mehr sei.

Obwohl es den restlichen drei Familienmitgliedern Opa Ws, am 12. Mai 1945, gestattet wurde wieder auf ihren Hof zurückzukehren, wurden sie im Juni 1945 von Russen und Polen über die Oder verfrachtet. Es kam abermals ein Kommando. Innerhalb von 30 Minuten mussten sie ihre Sachen packen und wurden nach Küstrin gebracht. Sie liefen durch die zerstörte Altstadt, über die Oder und wurden in den Küstrinkitz gebracht. Sie gingen Opa Ws Tante nach Gloszo. Jahre später machte die inhaftierte Schwester Opa Ws fast den gleichen weg und entschied auch nach Golszo zu gehen.

„Leider ging es meiner Mutter bald ziemlich schlecht. Da es in Golzso damals keine richtigen Ärzte gab, suchte meine älteste Schwester unseren Onkel in Berlin auf.“ Der Onkel von Opa W hatte eine Hausmeisterstelle im Alleiertenviertel inne. Er hatte eine Wohnung mit Zentralheizung und warmen Wasser – er wohnte wie im tiefsten Frieden.“ Dort hin, hat seine Schwester, nach ihrer Rückkehr, seine Mutter und ihn selbst geholt. Die Mutter von Opa W konnte ins Krankenhaus gehen und wieder genesen. Von dort aus ist sie dann anschließend zum Hamstern jeden Tag auf das Land gefahren. Auch zu ihrer Schwester nach Gloszo. „Wie sie dort gelaufen ist, kommt ihr meine andere Schwester entgegen und als sie zurück kam, hatte sie sie mitgebracht. Stelle man sich vor, eine Frau, die über Sieben Monate in einem einfachen Gefangenenlager verbracht hat, kommt in solch eine Wohnung in Berlin. In der es warm ist, Wasser und Licht gibt. Sie war gar nicht in der Lage zu reden, sie war schlichtweg sprachlos. Ich sehe sie heute noch vor mir stehen. Sie konnte nicht glauben, dass es so etwas noch gab.“

Opa Ws Bruder kam über das Rote Kreuz im Sommer 1945 auch nach Berlin. Er musste in Russland dienen und hatte sein rechtes Bein schwer verwundet. So war die Familie fast wieder vollständig vereint.

Es war die Zeit bevor wieder ein neues Schuljahr begann. So ging Opa W, begleitet von seinem Onkel zum Gymnasium um sich für einen Platz zu bewerben. Er hatte kein Zeugnis. „Ich muss auch zugeben, dass ich immer etwas eh verludert im Bezug auf die Schule war. Ich schämte mich deshalb, ich wollte doch unbedingt wieder hin. Der damalige Direktor, welcher auch Professor an der FU war, fragte mich nach meiner ehemaligen Schule und den Lehrern. Wie ein Segen bekam ich eine Platz und konnte 1951 das Abitur erfolgreich bestehen und ein Studium an der FU Berlin bei dem selben Professor beginnen.“

Die Schwestern und das Dienstmädchen des Opa Ws, wurden viele male vergewaltigt. Letztere starb bald an den Folgen. Besonders die jüngere Schwester litt ihr Leben lang unter dem, was ihr widerfahren war. Sein Großvater war bis zu seinem Tod auf dem Hof der Familie und wartete auf ihre Rückkehr. Am 20.05.1945 in einem Lager bei Skoipon, 80 km von Moskau entfernt, starb sein Vater in Folge von Schlaf- und Ernährungsmangel, als Folg von Überarbeitung an einem Schwächeanfall. Die Nachricht wurde von einem ehemaligen Nachbarn, nach dessen Entlassung 1946, überbracht. Es wurden insgesamt acht Wochen um Küstrin gekämpft. Die Stadt war zerstört. Das was überblieb wurde nach Polen verfrachtet, denn Wahrschau sollte wieder aufgebaut werden. Opa W war erst vor kurzem wieder in Küstrin. „Sie haben wieder die Straßenschilder aufgestellt. Jetzt kann man sich an ihnen orientieren und die Grundmauern ehemals bekannter Häuser aufsuchen. Auch wenn das alles nicht schön war. Man stumpft doch ab wenn man so viel Elend und Leid sieht. Die ganzen Leichen…Obwohl, so grotesk es klingen mag… Irgendwie war es aber auch ein Abenteuer! Wir versuchten uns Unterschlüpf zu bauen und rissen Farne aus, um sie als Schlafunterlage herzurichten. Es ist ganz toll im Wald zu schlafen. Ich war ein Kind und das rauschen der Bäume wie Musik in meinen Ohren.“

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