Opa R erzählt

Eine Geschichte eines Wehrmacht-Fliegersoldaten von Lunzenau über Holland und Frankreich nach Amerika und endlich wieder nach Hause. Lilith Grull im Gespräch mit Opa R über seine Lebensgeschichte.

Lilith Grull im Gespräch mit Opa R über seine Lebensgeschichte. Foto: Jonas Walzberg
Lilith Grull im Gespräch mit Opa R über seine Lebensgeschichte. Foto: Jonas Walzberg

Opa R wurde in Lunzenau am 11. März 1926 geboren. Dort verbrachte er die Kindheit mit seinen zwei Geschwistern und ging bis 1939 zur Schule. „Ich hatte eine schöne Kindheit. Obwohl 1933 die Nazis kamen und auch ich damals ins Jungvolk und dann zur Deutsche Jugend gehen musste. Wir marschierten aber wurden unterhalten; wir hatten Geländespiele und so. Bei der Hitlerschührung konnte man sich verschiedene Gebiete aussuchen und jeder wurde nach seinen Interessen, wie Werken, Hausarbeit und anderem, versorgt. Man konnte sich so ausprobieren.“ Als Opa R zum Reichsarbeitsdienst eingezogen wurde, änderte sich alles. „Da hat der Staat arbeiten lassen, wo man sonst kein Geld hatte. Aber damals, war das eher vormilitärischer Dienst. Ich war 18 Jahre alt und hatte zunächst in Penig im Getriebe als Dreher gelernt. Heute heisst es Zerspaner.“ Opa R lacht: „Heute ist alles anders.“

Luftwaffe oder SS – eines musste man machen.

„Ich hatte mich schon früh für die Fliegerei interessiert und bei der Schührung viel Modellbau gemacht. Bin nach Chemnitz zu den ersten Flugversuchen, dann war ich in Dehnen auf der Flugschule und habe meine A-Prüfung gemacht. Eine halbe Minuten Alleinflug. Dann wurde ich zum Tiefensee eingezogen, 20 Minuten Alleinflug. Fliegen an sich war schön.“ Opa R war inzwischen in Penig Hilfsausbilder, doch damals mussten alle sich freiwillig zur SS melden. „Freiwillig zur SS“, sagt Opa R verärgert, „da konnte man nichts machen. Fast gleichzeitig bekam ich den Bescheid, dass ich zur Luftwaffe eingezogen werden sollte. Zwei Tage später, kam der für die SS. Es ist klar, dass ich letzteren zurückschickte.“ Opa R wurde offiziell dem Arbeitsdienst entzogen und musste nach dem Einkleiden in Deutschland zum vormilitärischen Dienst nach Frankreich. Dort wurde er bei der Luftwaffe weiter ausgebildet. „Es war eigentlich alles zum Scheitern verurteilt, es gab schon gar kein Sprit für die Flugzeuge mehr. Dort war ich ein Dreiviertel Jahr. Doch als die Inversion begann, ja – da sind wir stiften gegangen, irgendwie mussten wir das. Wir haben uns umgezogen und wollten nur weg, Fahnenflucht. Von oben in Frankreich, zurück nach Belgien und dann Holland.“

Es war Herbst. Es war kalt und regnete.

Opa R mit 18 Jahren bei der Luftwaffe. Foto: Privat
Opa R mit 18 Jahren bei der Luftwaffe. Foto: Privat

Der Trupp hatte sich unterwegs aufgelöst. Nachts flüchtete sich Opa R mit zwei Freunden aus der Armee in den Wald. Damals war es direktes Frontgebiet und nach tagelangem Fußmarsch hatten sie bisher noch keine Chance gehabt auszuruhen, zu schlafen und Kraft zu sammeln. Inzwischen waren sie in Holland angekommen. Es regnete durchgehend und war ungewöhnlich ruhig. „Da kamen die Holländer auf Fahrrädern. ‚Wo wollt ihr denn hin‘, fragten sie uns.“ Von Holland aus war der Weg nach Deutschland nicht mehr weit. Doch das sollten die drei Kameraden nicht mehr schaffen. In der Nacht hatten die Amerikaner sie überholt und die Grenze geschlossen. „Das hatten wir nicht gehört. Und so passierte es. Wir hatten uns zwar umgezogen aber in Holland ist alles so flach und kahl; es gab nicht viele Wälder in denen wir uns hätten verstecken können. So kassierten die Holländer uns schnell und haben uns der Armee, den Amerikanern, ausgeliefert. Auf diese Art endete mein Mili- tärdienst nach kaum einem Jahr und ich war froh.“

 

Die Reise ging nun wieder in die andere Richtung. Durch Holland, nach Brüssel bis hoch nach Sherbrooke. Sie wurden nach England gebracht. Die ersten Lager waren unter freiem Himmel. „Es war September, nass und kalt. Kurz vor Amerika, durften wir in Blechbaracken.“ Nach zehn Tagen in England ging es schon weiter. So begann eine gut zweiwöchige Seefahrt nach Amerika. Opa R und die anderen Gefangen mussten auf dem Schiff arbeiten. „Es ist Wahnsinn, was der Mensch alles aushält. Besonders die Seekrankheit. Wir sind von England nach Amerika mit 120 Schiffen gefahren.“ 12 Tage ging die Fahrt. Opa R kam ins Küchenkommando. „In der Küche gab es oft Schwarze, mit denen Versand ich mich meistens am Besten. Auf dem Schiff sagten sie immer wenn wir draußen waren, das sie erst mal kotzen gehen. Sie meinten, man müsse immer wieder etwas essen, immer wieder. Denn wenn nicht, dann tut der Magen noch mehr weh. Es war Schlimm.“ Zunächst kamen sie in Washington an. Sie legten Opa R Fotos hin und stellten Fragen über Fragen. Opa R lacht: „Das war einzigartig was die alles wussten. Die waren über meine Heimat besser informiert als ich. Das war in einer Zeit wo in Chemnitz und Penig noch Bomben vielen.“

Es gab Nazi- und Anti-Nazi-Lager.

„In Amerika waren wir nun endlich nach fast zwei Monaten Freiluftlagern, engen Lastwagen, Wanderungen durch Schlamm und der Seefahrt, zunächst ein mal gut untergebracht. Wir haben ordentliche Kleidung bekommen und hatten eine anständige Unterkunft auf dem Militärgelände.“ Die Kriegsgefangen mussten verschiedene Arbeiten auf dem Gelände verrichten und erhielten im Gegenzug Wertebongs. So konnten sie in einer Kantine Nahrungsmittel, Kleidung, Zigaretten und an- deres erwerben. In Amerika gab es Nazi-Lager und Anti-Nazi-Lager, je nach entsprach auch die jeweilige Behandlung. „In den Nazi-Lagern, wurde selbst Hitlers Geburtstag noch gefeiert. Doch der Zustand des Lagers wurde dementsprechend schlecht gehalten. Deshalb haben viele Suizid begannen. Das betraf uns nicht, wir hatten Glück. Besonders ich, weil ich ja noch tschechischer Staatsangehöriger war. Alles war okay, bis zum Ende des Krieges. Da haben sie uns spüren lassen, dass wir verloren hatten – da war die Kantine drei Monate lang zu. Wir hungerten.“

Über Radio konnten die Kriegsgefangenen das aktuelle Geschehen verfolgen.

„Als der Krieg vorbei war, war ich einfach nur erleichtert. Als Gefangener hatte man immer den Gedanken, wann gibt es Essen und wann geht es nach Hause. Da hat man keinen Kopf sich für die fremde Kultur zu interessieren. Natürlich hatten wir Kontakt mit Amerikanern auf dem Gelände und haben auch so mehr und mehr Englisch gelernt. Aber nein, einen Gedanken an ein Leben in Amerika und nicht in unserer Heimat, hat man nicht verschwendet. Wir waren nur im Lager und haben gearbeitet. In Pensilvania gab es viele Nachkommen aus dem Schwabenland und die kamen öfters vorbei, einige arbeiteten bei den Lastfuhren der Amerikaner. ‚Kannschte Deutsch schätz? ́ fragten sie uns immer. Mit der Bevölkerung gab es keine Probleme aber wir hatten nur Kontakt wenn sie zu uns kamen. Auch etwas Englischunterricht bekamen wir. Von einem Juden, der konnte gut

Deutsch.“ Opa R lacht: „Naja, zumindest sämtliche Kraftausdrücke. Schon in Lanzenau hatten wir Englisch- und Schreibmaschinenunterricht. Wir Jungs fanden das damals doof, wozu sollten wir Schreibmaschine lernen? Zum Glück – so konnte ich meiner Familie in Deutschland eigene Briefe schicken.“

Der Krieg war vorbei und wir durften Heim.

Aus Louisiana im Süden ging es los, dann hoch, nach Pensilvania, New York, Philadelphia. „Da waren wir im Lager Nummer 280 Gefangen. Alle mussten wieder zurück in die Heimat und niemand durfte da bleiben, auch wenn man gewollte hätte. 1944 kamen die ersten 200 Mann weg und keiner wusste wo hin. Nach Hause oder wurden sie wo anders hin verschifft, sie waren weg.“ Später im September 1946 kam Opa R wieder nach New York. Diesmal in ein Verschiffungslager und er durfte nach Hause. „Und da erfuhren wir, wo die 200 anderen hingebracht wurden: nach England. Es gab einen Gefangenen Austausch. Und die Deutschen, die nach England kamen, die kamen da- nach nicht nach Hause, sie arbeiten noch ein Jahr im Kohlewerk. Aber ich hatte Glück, ich bin di- rekt nach Frankreich Loire und nach Deutschland, in die Lausitz. Erst in den Westen und dann mit einem Transporter in die Ostzone, es war eine Turbulente Zeit.“ Opa R bekam seine Papiere wieder und durfte gehen.

1944 waren Opa Rs Großeltern gestorben und seine Familie aus Lunzenau ins Sudetenland gezogen. Sie mussten das Haus übernehmen. Sein Bruder organisierte es. „Mein Bruder hätte warten sollen bis der Krieg vorüber war. So hatten wir alles verloren und mussten wieder neu anfangen.“

Am 1. September 1946 kam Opa R nach Hause. „Zufällig liefen mir meine Eltern und mein Bruder entgegen. Eine einfache Zeit war es nicht, die Frauen mussten Hamstern gehen, tagelang. Wir Männer sammelten Blüten und droschen Tabak und Öl, das tauschten wir. Wir waren halt im Osten und es dauerte, bis hier ein heute normales Leben begann.“ Opa R fing wieder beim Arbeitsdienst an und ging ins Getriebewerk Penig zurück. 51 Jahre ist er dort geblieben und hat Karriere gemacht. Er gründete eine Familie und lebt immer noch in Rochsburg bei Penig. Der eine Bruder von Opa R ist bis heute vermisst, der andere amputiert und der Mann seiner Schwester gefallen.

 

Opa R über die Wehrpflicht. Foto: Jonas Walzberg
Opa R über die Wehrpflicht. Foto: Jonas Walzberg

„Was mich jetzt nach der ganzen Sache erfreut, das die Wehrpflicht weggefallen ist. Das war ein guter Zug, denn wenn man sich überlegt, was hat denn die Regierung für ein Recht Leute in den Krieg zu schicken. Es ist doch als ob sie die zum Mord schicken. Das gibts doch nicht. Und mit den Freiwilligen, da ist nicht mehr viel zu machen.“ Opa R schüttelt den Kopf.

 

 

 

 

 

Erstmals erschienen auf: http://usa.jugendpresse-sachsen.de

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